Johanna Schober

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Manuela-Kinzel-Verlag

Märchen für Erwachsene

   

Reinlesen ins Buch

„Eine schöne, eine moderne Art, Märchen zu erzählen.“
GEISLINGER ZEITUNG

„…Und weil sich in diesem Buch zweierlei verbindet: Der offene, ermutigende Blick auf die Möglichkeiten des Lebens und die angenehme Bilderwelt der Märchen, so kann dem Leser leicht gelingen, was die letzten Worte auf der Rückseite versprechen:
…eine Auszeit nehmen und die Seele baumeln lassen…“
K.-P. PODLECH
(ehemal. Schulleiter des Michelberg-Gymnasiums)



LESEPROBE:
Als sie jedoch einige Wochen später in den Garten ging, um ihre Bettwäsche von der Leine zu nehmen, die sie dort zum Trocknen in die Sonne gehängt hatte, fuhr sie erschrocken zurück.
Unzählige kleine Löcher übersäten den Stoff. Besonders schlimm hatte es die Spitzen des Zick-Zack-Musters erwischt. Seraphis griff hinein, um die betroffenen Stellen genauer zu untersuchen – da brach der Stoff in ihren Händen auseinander.

Hastig nahm sie vorsichtig die Wäsche von der Leine und legte sie in einen Korb. ‚Hoffentlich hat das niemand gesehen!’, dachte sie. Ausgerechnet ihr musste das passieren! Von der Hüterin der Muster dazu auserwählt, die Muster des gesamten Dorfes zu pflegen und zu bewahren. Völlig aus der Fassung eilte sie zurück ins Haus, setzte sich an den Küchentisch und stellte den Korb vor sich auf dem Boden ab. Ratlos starrte sie auf die schadhafte Wäsche.
Ihre Tochter Mira blickte von dem Bild, das sie gerade malte, auf und sah ihrer Mutter forschend ins Gesicht. „Ist etwas passiert?“
„Ach Kind, ich weiß es auch nicht so genau. Es ist mir selbst ein Rätsel“, entgegnete Seraphis wie in Trance. Dabei fiel ihr Blick auf das Bild ihrer Tochter. Es zeigte Wellenlinien, die sich in einem bestimmten Verhältnis zueinander in kleineren und größeren Abständen quer über das ganze Blatt zogen. „Das ist aber ein schönes Bild“, lobte sie ihre Mutter. „Malst du wieder den Fluss?“
„Nein, das ist ein Muster“, entgegnete Mira leichthin. Seraphis erschrak. „Das darfst du nicht!
Das obliegt allein der Hüterin der Muster. Verstecke es und sag keinem ein Wort!“ warnte Seraphis ihre Tochter. Mira gehorchte. Nicht, weil sie es verstand, sondern weil sie wusste, dass es sehr wichtig sein musste, wenn ihre Mutter dies von ihr verlangte.
Während Mira das Bild wegräumte, überlegte Seraphis indessen angestrengt, was sie wegen ihrer durchlöcherten Wäsche tun konnte. Sollte sie sich der Dorfältesten anvertrauen? Die Dorfälteste wurde auch „Geheimniswahrerin“ genannt und von Zeit zu Zeit hatte Seraphis andere Dorfbewohner dabei beobachtet, wie sie das Haus der Dorfältesten abends, wenn es bereits dunkel war, aufgesucht hatten. Sie beschloss, heute abend denselben Weg zu nehmen.

Geduldig hörte die Dorfälteste Seraphis zu. Lange Zeit sagte sie gar nichts. Plötzlich erhob sie sich, ging in den Raum nebenan und machte sich an einer großen Truhe, die mit Schriftrollen gefüllt war, zu schaffen.
„Vor langer Zeit…- vor langer, langer Zeit…“, murmelte sie immer wieder vor sich hin. Seraphis konnte sich darauf keinen Reim machen.
„Das könnte es sein!“ Die alte Frau hob eine Schriftrolle triumphierend in die Höhe. Sie setzte sich zu Seraphis zurück an den Tisch und breitete die Schriftrolle darauf aus. Seraphis konnte die Schrift nicht lesen. Sie schien sehr alt zu sein. Leise vor sich hinmurmelnd studierte die Alte die fremden Buchstaben. Mit einem Mal wurde sie sehr aufgeregt. „Könnte es sein? Könnte es tatsächlich sein…?“, sprach sie leise mehr zu sich selbst als zu Seraphis. „Sag, was ist – was steht da?“ Die Aufregung nahm nun auch von Seraphis Besitz. „Ich kann es nicht mit Gewissheit sagen“, erklärte die Dorfälteste kopfschüttelnd, während sie weiter über dem Text brütete. „Ich glaube, es ist das Beste, du gehst zur Hüterin der Muster.“
Seraphis erschrak. Noch nie hatte sie das Dorf verlassen. Sie kannte nicht einmal den Weg dorthin. Und was sollte solange aus Mira werden?